Demokratie in der Schule leben – eine Vision mit Verantwortung

Das Seminar „Demokratie in der Schule leben“ des Perspektivteams des BLLV Niederbayern im Oktober bot eine Fülle von Inspiration und praxisnahen Ansätzen, um demokratische Prozesse in den schulischen Alltag zu integrieren. Unter der Leitung von Dr. Fritz Schäffer, einem langjährigen Ideengeber und ehemaligen Leiter der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV, wurde ein umfassender Blick auf die Chancen und Herausforderungen demokratischer Bildung geworfen. Mit neuen Perspektiven und einer klaren Botschaft, die Demokratie als Lebensweise zu begreifen, hinterließ die Tagung einen nachhaltigen Eindruck bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Demokratie – ein Auftrag in unsicheren Zeiten

Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, von politischen Spannungen bis hin zum Erstarken extremistischer Tendenzen, waren ein zentraler Ausgangspunkt der Diskussion. Dr. Schäffer betonte die dringende Notwendigkeit, Demokratieerziehung in Schulen zu verankern: „Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie bedarf Pflege, Mitwirkung und Engagement, gerade in der Erziehung der nächsten Generation.“ Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprachen sich dafür aus, Demokratie nicht nur als theoretisches Konzept, sondern als gelebte Praxis in den Unterricht und das Schulleben zu integrieren.

Ein Ansatz ist die sogenannte „Verfassungsviertelstunde“, in der demokratische Werte und Prozesse thematisiert werden sollen. Zur Umsetzung wurden verschiedene Konzepte aus dem Erfahrungsschatz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorgestellt. Ein Beispiel hierfür ist der Klassenrat, in dem Schülerinnen und Schüler lernen, Diskussionen zu führen, Kompromisse zu finden und Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Ziel ist es, demokratische Kompetenzen spielerisch und nachhaltig zu vermitteln.

Partizipation als Kern demokratischer Bildung

Eine zentrale Botschaft der Tagung war die Bedeutung der Partizipation. Wie viel Demokratie lässt Schule zu? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die Diskussionen. Beispiele wie Schülerparlamente, Schulversammlungen und Feedbackformate verdeutlichten, wie Mitbestimmung in der Schulgemeinschaft umgesetzt werden kann. Besonders betont wurde, dass demokratische Prozesse Zeit und Geduld erfordern. „Veränderung ist ein mühsamer Prozess, aber genau darin liegt der Bildungsauftrag“, so Dr. Schäffer.

Ein inspirierendes Beispiel für erfolgreiche Demokratiepädagogik ist das Konzept „Lernen durch Engagement“ (LdE). Schulen, die diesen Ansatz verfolgen, schaffen Raum für Projekte, bei denen Schülerinnen und Schüler gesellschaftlich wirksam werden. Projekte wie diese sind nicht nur nachhaltig, sondern stärken das Verantwortungsgefühl und die soziale Kompetenz.

Lehrerbildung und Schulentwicklung als Schlüssel

Ein weiterer Schwerpunkt war die Lehrerbildung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer forderten, dass Demokratie auch in der Ausbildung von Lehrkräften eine stärkere Rolle spielt. Hier wurden Modelle aus Finnland diskutiert, wo weniger auf starre Referendariate, sondern mehr auf innovative Ansätze gesetzt wird. Ziel muss es sein, Lehrkräfte zu befähigen, demokratische Prozesse nicht nur zu lehren, sondern selbst aktiv vorzuleben.

Auch auf der Ebene der Schulentwicklung wurden Forderungen laut. Bayern wird als Bundesland mit besonders enger Schulführung wahrgenommen. Mehr Mitbestimmung für Lehrkräfte und ein gemeinschaftliches Aushandeln von Regeln und Prozessen wurden als wichtige Bausteine für eine demokratischere Schulkultur identifiziert. 

Die Arbeitsphasen der Tagung widmeten sich den Herausforderungen der Demokratiepädagogik im Schulalltag. Schwierige Themen wie Verschwörungstheorien, Rechtsextremismus oder provokative Verhaltensweisen wurden anhand von Fallbeispielen diskutiert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer suchten nach Wegen, diese Themen konstruktiv aufzugreifen, ohne den Schutzraum Schule zu gefährden. Der Beutelsbacher Konsens, der eine überwältigungsfreie politische Bildung garantiert, diente hier als Leitlinie.

Besonders eindrucksvoll war die Einsicht, dass jede erfolgreiche demokratische Schulentwicklung mindestens zehn Jahre Prozesszeit benötigt. Dies unterstreicht, dass Geduld, Dialogbereitschaft und ein langer Atem gefragt sind, um tiefgreifende Veränderungen zu erreichen. Schulversammlungen, Schülerparlamente und ein partizipativer Schulvertrag wurden als konkrete Instrumente vorgestellt, um demokratische Strukturen im Schulalltag zu etablieren.

Verantwortung – eine zentrale Botschaft

Das Herbstseminar des Perspektivteams schloss mit einem eindringlichen Appell: Demokratie braucht Verantwortung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass jede Lehrkraft als Multiplikatorin und Vorbild für demokratische Werte agieren kann. Eine Schule, die Demokratie lebt, ist nicht nur eine Institution, sondern eine Gemeinschaft, die ihren Mitgliedern Mitbestimmung und Gestaltungsmöglichkeiten bietet.

Ein Fazit mit Blick nach vorne

Die Tagung „Demokratie in der Schule leben“ hat gezeigt, wie wichtig es ist, Demokratie als einen aktiven Prozess zu verstehen. Schulen können Orte des demokratischen Lernens und Lebens sein, wenn sie den Mut haben, Prozesse zu hinterfragen und neu zu gestalten. Dabei ist die Botschaft klar: Veränderung braucht Zeit, Raum und das Engagement aller Beteiligten.

 

Vincent Falk

 

Infokasten LdE

Was ist LdE?

Kinder und Jugendliche setzen gemeinnützige Projekte mit Engagement-Partnern in Stadtteil oder Gemeinde um und werden aktiv für soziale, ökologische, politische oder kulturelle Themen, die sie bewegen. Sie tun etwas für andere Menschen und für die Gesellschaft und sammeln bei ihrem Engagement demokratische Erfahrungen (Service).

Sie engagieren sich aber nicht losgelöst von oder zusätzlich zur Schule, sondern als Teil von Unterricht und eng verbunden mit dem fachlichen Lernen. Das Engagement wird im Unterricht gemeinsam geplant, die Erfahrungen der Schüler werden reflektiert und mit Inhalten der Bildungspläne verknüpft (Learning).

Die Kombination aus Lernen und Engagement spiegelt zwei Kernziele von LdE wider:

  • Demokratie und Zivilgesellschaft stärken 

Schüler werden an bürgerschaftliches Engagement herangeführt. Sie erwerben Demokratie- und Sozialkompetenz, können ihre Persönlichkeit weiterentwickeln und erfahren Beteiligung.

  • Schule und Lernkultur verändern 

Im Sinne einer demokratischen Lernkultur planen und gestalten die Schüler ihre Projekte selbst, reflektieren über den Verlauf ihres Engagements, besprechen Probleme und erarbeiten Lösungsvorschläge. Dabei wenden sie ihr Wissen und ihre Kompetenzen direkt in der Praxis an. Sie verstehen fachliche Inhalte tiefer und erkennen Sinn und Relevanz in schulischem Lernen.

Lernen durch Engagement ist als Lernform für alle Schularten und für jedes Alter geeignet. Es gibt LdE-Projekte von der ersten Klasse bis zur Berufsschule. LdE ist flexibel an die Ausgangssituation der Schule, die Interessen der Kinder und die Bedarfe in Stadtteil oder Gemeinde anpassbar – und kann zu den unterschiedlichsten Themen und Bildungsplaninhalten umgesetzt werden.

Die Vielfalt ist gewünscht und eine der großen Stärken von Lernen durch Engagement. Allen LdE-Projekten gemeinsam ist jedoch die Orientierung an den sechs Qualitätsstandards für Lernen durch Engagement. Sie sind der Schlüssel, um die Ziele, die mit LdE verbunden sind, auch wirklich zu erreichen.

1. Realer Bedarf: Das Engagement gut vorbereiten

2. Curriculare Anbindung: Den Unterricht mit LdE planen und gestalten

3. Reflexion: Lernen und Engagement verbinden

4. Partizipation von Schüler*innen: Teilhabe ermöglichen und begleiten

5. Engagement außerhalb der Schule: Mit Engagement-Partnern zusammenarbeiten

6. Anerkennung und Abschluss: Das Engagement aller Beteiligten wertschätzen

Praxisbeispiele:

  • Grundschulkinder üben in der Klasse das betonte Vorlesen, sprechen über geeignete Kinderliteratur und gestalten Märchenvorlesetage in der öffentlichen Bücherei – denn kulturelle Veranstaltungen für Kinder sind in der Stadt dem Rotstift zum Opfer gefallen.
  • Eine 6. Klasse lernt in Physik und Chemie, wie eine Batterie funktioniert und organisiert eine Kampagne „Batterien gehören nicht in den Hausmüll“ – denn beim Wandertag hatten die Schüler achtlos weggeworfene Batterien am Straßenrand entdeckt.
  • Fridays for Facts: Schüler der 6. Jahrgangsstufe lernen in Mathematik und Biologie Fakten über Ursachen und Folgen des Klimawandels kennen, ergründen Möglichkeiten klimafreundlichen Handelns, beschäftigen sich in Informatik mit digitalen Tools und geben ihr neu erworbenes Wissen mit Hilfe selbst erstellter Präsentationen und Erklärvideos an Grund- und Mittelschüler umliegender Schulen weiter.
  • Wassertage für Kitakinder: Schüler beschäftigen sich in PCB (Physik, Chemie, Biologie) mit dem Themenkomplex Wasser und engagieren sich in einer Kita, indem sie Thementage zum Wasser gestalten, eine Bachwanderung durchführen und den Bau eines Wasserspielplatzes für die Kita planen.
  • Achtklässler beschäftigen sich in Biologie mit Ökosystemen und heimischen Pflanzen und legen in Kooperation mit einem Umweltschutzverein einen Naturlehrpfad mit Infotafeln zum lokalen Ökosystem an – denn ein brach liegendes Wiesenstück drohte, zur Müllkippe zu verkommen.
  • Ein Leistungskurs Musik beschäftigt sich mit Musiktherapie und musiziert regelmäßig mit der benachbarten Lebenshilfe, um ein öffentliches Konzert zu veranstalten – denn die wenigsten Bewohner haben Kontakt zu Menschen außerhalb des Wohnheims
  • Schüler der Oberstufe beschäftigen sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus in ihrer Stadt und erarbeiten für die Stadtgemeinschaft sowie für weltweite Nachkommen der Opfer eine multi-linguale Website über Schicksale und Lebensgeschichten hinter Stolpersteinen sowie Führungen für Schüler der umliegenden Schulen, die als Sprachtandems Kindern und Jugendlichen mit wenig Deutschkenntnissen Teilhabe ermöglichen.