Blick über den Bildungszaun … nach Wien
Das Perspektivteam des BLLV Niederbayern macht sich traditionell zu den runden und halbrunden Jahrestagen seines Bestehens auf den Weg und blickt über den (Bildungs-)Zaun in andere (Bildungs-)Gärten. Zum 20-jährigen Jubiläum ging die Fortbildungsreise Ende September nach Österreich, genauer gesagt nach Wien. Sie bot 24 Mitgliedern – darunter Lehramtsstudenten, Lehrkräften, Schulleitungen und Seminarleitungen aus verschiedenen Schulformen und Regionen – die Gelegenheit, über nationale Grenzen hinweg neue Impulse für die eigene pädagogische Arbeit zu erhalten.
Ziel der Exkursion war es, das österreichische Bildungssystem kennenzulernen, innovative Unterrichtskonzepte zu erleben und sich mit Kollegen und Kolleginnen über erfolgreiche schulische Praxis sowie deren Grenzen auszutauschen. Gleichzeitig diente die Reise dem kollegialen Dialog, der Vernetzung untereinander und der gemeinsamen Reflexion über die Zukunft von Schule und Bildung im deutschsprachigen Raum.
Fachgespräch bei der Bildungsdirektion Wien
Als erster Programmpunkt der Exkursion stand ein Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern der Bildungsdirektion in Wien an. Die Gäste aus Niederbayern erhielten dabei einen fundierten Einblick in die Struktur und aktuellen Entwicklungen des Wiener Bildungssystems. Ein Thema dabei war zum Beispiel die Schulautonomie. Die Schulen können hier über die ihnen zugeteilten Ressourcen – in Zeiten des Lehrkräftemangels ebenfalls auf Kante genäht – selbstständig entscheiden und beispielsweise die Stundentafel verändern, außer beim Fach Religion. Auch die Änderung der Lehrerausbildung wurde angesprochen. 2014 wurden ein neues Dienstrecht und eine neue pädagogische Ausbildung eingeführt. Seither haben alle Lehrkräfte in Österreich dieselbe Unterrichtsverpflichtung von 22 Stunden und bekommen das gleiche Grundgehalt. Das können die Lehrkräfte an weiterführenden Schulen dadurch noch aufbessern, dass sie für alle Schulaufgabenfächer in der Sekundarstufe I pro Unterrichtsstunde rund 30 Euro und in der Sekundarstufe II pro Unterrichtsstunde rund 35 Euro bekommen.
Interessant war, dass Österreich leistungsschwache Schülerinnen und Schüler zur „Sommerschule“ verpflichtet, damit sie ihre Lücken auffüllen. Für die Betroffenen verkürzen sich dadurch die Sommerferien von neun auf sieben Wochen. Wie das Perspektivteam auf ihrer Exkursion in Wien erfahren hat, gehen die Meinungen über die Sommerschule weit auseinander. Während die Bildungsdirektion das als großen Wurf feiert, sehen Schulleitung, Lehrkräfte und Gewerkschaft die Sommerschule sehr skeptisch. Meist übernehmen studentische Aushilfskräfte den Unterricht. Außerdem stellt sich die Frage: Wie sollen auch in zwei Wochen die Lücken geschlossen werden, die im Lauf eines ganzen Schuljahres entstanden sind? Kritiker sehen in der Sommerschule vielmehr eine zweiwöchige Ferienbetreuung.
Für Verwunderung der bayerischen Lehrkräfte sorgte die Tatsache, dass in vielen Schulen die Kostenübernahme für ein Schul-Mittagessen gewährleistet ist. Es gibt auch keine Schulpflicht, nur eine Unterrichtspflicht. Das hat historische Gründe. In Wien gehen etwa 700 Kinder nicht zur Schule. Sie bekommen stattdessen von ihren Eltern Hausunterricht.
Daten und Fakten zu Wien
- 1,8 Mio. Einwohner leben in Wien
- 20 Prozent der Schüler von ganz Österreich befinden sich an Wiener Schulen
- 15 Prozent der Wiener Schüler besuchen eine Privatschule
- 710 Schulen mit 26 000 Lehrkräften und 240 000 Schülerinnen und Schülern im Bundesland Wien
- Durchschnittliche Klassenstärke liegt bei 25 Kindern
- Keine festgelegten Schulsprengel, aber eigene Abteilung zur Regelung der Schülerströme
Schulbesuche in Kleingruppen – Schwerpunkt Mehrstufenklassen
Im Anschluss an das Gespräch fanden Schulbesuche, aufgeteilt in Kleingruppen sowohl in Mittelschulen als auch in Grundschulen, statt. Der Fokus lag hierbei auf Mehrstufenklassen, bei denen Kinder unterschiedlichen Alters (in Grundschulen oft Klasse 1-4, in Mittelschulen oft Klasse 5-8) gemeinsam lernen. Diese Form des jahrgangsübergreifenden Lernens zeigte eindrucksvoll, wie individuelle Förderung, soziale Verantwortung und selbstständiges Arbeiten miteinander verbunden werden. Die Besucherinnen und Besucher konnten in die verschiedenen Klassenzimmer „reinschnuppern“ und erhielten somit unmittelbaren Einblick in die praktische Umsetzung. Informative Gespräche mit Schülern und Lehrpersonal während der Mitschau wie auch mit der Schulleitung zum Ende des Schultages konkretisierten die neuen Eindrücke.
Workshop „Inklusion live – (Er)Leben mit Handicap
Am Nachmittag stand das Thema „Inklusion (er)leben“ im Mittelpunkt. Dabei konnte man sich schon im Vorfeld zwischen zwei Sinneswahrnehmungen und deren Beeinträchtigung entscheiden: „Dialog im Dunkeln – Spaziergang durch eine blinde Wirklichkeit“ oder „Hands up – Eintauchen in die Welt der Gehörlosen“. Bei der interaktiven Veranstaltung „Hands up“ bekamen die Teilnehmer beispielsweise Kopfhörer, die jegliche Geräusche abschirmten und so die Welt der Gehörlosigkeit imitierten. Regeln der Gebärdensprache wurden „mit Händen und Füßen“ erklärt und häufig gebrauchte Wörter des Alltags gemeinsam in Gebärdensprache übersetzt. Auch das Spiel „Stille Post“ trug – durch pantomimisches Darstellen etwas abgewandelt – zur Erheiterung und Auflockerung des oft sonderbaren Gefühls der „Abgeschirmtheit“ bei.
Infos zum Workshop „Hands-up“
- Es gibt über 200 Gebärdensprachen weltweit
- Wie in der Lautsprache gibt es auch regionale Dialekte
- Gebärdensprache ist wie jede andere Fremdsprache zu lernen (regelmäßige Übung!)
- Lippenlesen vermittelt nur ca. 30 Prozent des Inhalts
- Seit 1960 dürfen Gehörlose in Österreich Auto fahren
- Begriff „taubstumm“ ist nicht korrekt und diskriminierend, denn gehörlose Menschen sind nicht unfähig zu sprechen: Gehörlose Menschen können alles – außer hören
Schulbesuch mit innovativem Schulkonzept
Am nächsten Tag stand der Schulbesuch in der Privatschule St. Ursula am grünen Stadtrand von Wien an. Schulleiterin Nathalie Rath nahm sich für die Gäste aus Niederbayern viel Zeit, um das Konzept der Schule zu erläutern, die eng mit der Campusschule, Volksschule, Mittelschule und AHS (Allgemeinbildende Höhere Schule) eng vernetzt zusammenarbeitet. Die Kooperation der Schularten unter einem Dach ermöglicht eine durchgängige, aufeinander abgestimmte Bildungsbiografie für die Schülerinnen und Schüler. Die gemeinsame Campusstruktur fördert zudem Austausch, gegenseitige Unterstützung und ein starkes pädagogisches Miteinander. Ein geführter Schulhausrundgang vermittelte anschaulich die räumlichen und organisatorischen Strukturen der Schule. Besonders hervorzuheben war die moderne Ausstattung der Fachräume, unter anderem. für die Naturwissenschaften Physik und Chemie sowie Musik oder Informatik. Mit der Tatsache im Hinterkopf, dass es sich um eine Privatschule mit monatlichem Schulgeld handelt, wurde diese Ausstattung zwar mit Interesse, jedoch ohne große Verwunderung von der Exkursionsgruppe wahrgenommen.
Nathalie Rath stellte dabei auch das pädagogische Konzept des Drehtürmodells vor. Es erlaubt Schülerinnen und Schülern mit besonderen Interessen oder Begabungen, temporär aus dem Regelunterricht auszusteigen, um an projektorientierten oder individualisierten Lernangeboten teilzunehmen – eine Form der Begabungsförderung, die Eigenverantwortung und Selbstorganisation stärkt. Das Drehtürenmodell wird in St. Ursula virtuell mithilfe verschiedener digitaler Medien ermöglicht. Wie das konkret aussieht, wurde vor Ort von Lehrkräften und der Schulleiterin erläutert. Das Perspektivteam hatte auch Gelegenheit, das Drehtürenmodell während des Unterrichts mitzuverfolgen.
Zum Abschluss des Besuchs fand ein gemeinsames Gespräch mit beiden Schulleitungen, Nathalie Rath von der Volksschule und Dr. Elisabeth Stöger von der AHS statt. In dieser offenen Austauschrunde konnte die Besuchsgruppe aus Niederbayern an beide Frauen zentrale Fragen zur Schulorganisation, Kooperation im Kollegium, pädagogischen Ausrichtung und zu den Herausforderungen im Schulalltag stellen, die offen und ehrlich beantwortet wurden. Dabei fand auch ein intensiver Austausch über Umsetzung, Chancen und Schwierigkeiten dieser Konzepte und örtlichen Gegebenheiten statt. Besonders geschätzt wurde dabei der kollegiale Dialog auf Augenhöhe unter den beiden Schulleitungen sowie die Bereitschaft zur ehrlichen Reflexion und zum fachlichen Austausch.
Privatschule St. Ursula
- Gemeinschaft der Ursulinen in Österreich seit 1660
- St. Ursula ist eine katholische Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht
- Beherbergt 970 Kinder in neun Klassen Volksschule, vier Klassen Mittelschule und 27 Klassen Gymnasium / Oberstufenrealgymnasium
- Weitere Standorte in Salzburg und Klagenfurt
- Gemeinsame Schulkleidung, aber keine Schuluniform
- Rund. 240 Euro Schulgeld monatlich pro Schüler
- die Schulleitung sucht die Lehrkräfte selbst aus. Je nach Bewerbungslage ergeben sich Auswahlmöglichkeiten
- Lehrermangel auch hier spürbar
Austausch mit dem österreichischen Partnerlehrerverband
Am Samstagvormittag fand ein Treffen mit Thomas Krebs, Vorsitzender des Zentralausschusses sowie stellvertretender Vorsitzender der Bundesleitung der Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer, und Christoph Liebhart, Mitglied im Zentralausschuss, statt. In angenehmer Atmosphäre, was an der unmittelbaren Nähe zum Wiener Stephansdom einerseits und an der recht ehrlichen und lockeren Vortragsart des Redners andererseits lag, tauschten sich die deutschen und österreichischen Kollegen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Lehrerberuf der beiden Länder aus.
Gleich zu Beginn verdeutlichte Thomas Krebs, wie die hohe Zahl von 10.500 Mitgliedern bei insgesamt etwa 16.000 Pflichtschullehrern zu erklären ist: Nach der Berufsgruppe der Polizisten seien die Lehrer die zweitgrößte Gruppe, die auf Rechtschutz aus dienstlichen Gründen angewiesen ist. Und so fand man sich schnell bei den auch in Bayern bekannten Problemfeldern wie Personalmangel, Arbeitsbedingungen, Bürokratie und Gewalt an Schulen wider.
Viele weitere pädagogische Herausforderungen sowie schulpolitische Entwicklungen standen im Mittelpunkt des Gesprächs. Beispielsweise tauschte man sich auch über die Integration von Schülern nicht-deutscher Muttersprache aus. Die Zuwanderung in Wien ist im Gegensatz zu den anderen Städten Österreichs sehr dynamisch: Nur 36 Prozent der Wiener haben die österreichische Staatsbürgerschaft. Auch das Sprachniveau der Erstklässler ist sehr unterschiedlich. 45 Prozent der Schulanfänger sind aufgrund der Sprachdefizite nicht in einer regulären Klasse beschulbar. Diese Zahl ergibt sich durch die in Österreich vorgeschriebene Schulreifefeststellung. Danach werden die Kinder in zwei Kategorien eingeteilt. Man unterscheidet zwischen ordentlichen (mit voller Schulreife) und außerordentlichen (eingeschränkte Schulreife) Schulanfängern. Außerordentliche Schüler sind offiziell einer Klasse zugeordnet. Diejenigen mit Sprachdefiziten sind jedoch die überwiegende Unterrichtszeit in einer Deutsch-Förderklasse, bis ein Sprachstand erreicht ist, der den Besuch des Regelunterrichts ermöglicht. Diese Deutsch-Förderklassen existieren parallel zu den regulären Klassen.
Der offene Dialog bot den Besuchern spannende Einblicke in die Gewerkschaftsarbeit der österreichischen Kollegen. Dabei zeigte sich, dass es zwischen bayerischen und österreichischen Lehrerverbänden viele Parallelen gibt.
Zum feierlichen Abschluss der Fortbildungsreise traf sich die gesamte Gruppe zu einem gemeinsamen Abendessen im Wiener Traditionsgasthaus „Wieden Bräu“. Auch Thomas Krebs folgte der Einladung seines bayerischen Verbandskollegen und kam mit seiner Frau vorbei. Damit erweiterte er so den dienstlichen Rahmen des Vormittags um eine private Komponente am Abend. In geselliger Runde wurde nicht nur auf die erfolgreichen Exkursionstage angestoßen, sondern auch der persönliche und schulübergreifende Austausch gepflegt. Die positive Stimmung und der kollegiale Zusammenhalt rundeten den Abend gelungen ab.
Dann hieß es auch schon wieder Abschied nehmen. Am Sonntagnachmittag verließ das Perspektivteam Wien. Nach intensiven und inspirierenden Tagen wurde die Zugfahrt für persönliche Gespräche genutzt. Je nach Reiseziel – Passau oder Plattling – verabschiedeten sich die Teilnehmer freundschaftlich voneinander. Viele tauschten Kontakte aus und alle blickten auf eine gelungene Fortbildungsreise mit wertvollen Impulsen und neuen Netzwerken zurück. Die Fortbildungsreise „Blick über den Bildungszaun … nach Wien“ war für alle Beteiligten eine bereichernde Erfahrung, nicht nur inhaltlich. Das gemeinsame Reisen, Diskutieren und Erleben trug auch zur Stärkung der schulübergreifenden Vernetzung bei. Der Blick über die Grenze hat gezeigt: Viele Herausforderungen im Bildungs- und Schulbereich sind ähnlich, teilweise erschreckend identisch – und ebenso vielfältig wie engagiert sind die Lösungsansätze. Ein herzliches Dankeschön geht an Rainer S. Kirschner für die sorgfältige Planung und die kompetente (Durch)Führung in der „einzigen Großstadt Österreichs“!
Christina Schmalfuß / cro
