Pressemitteilung 22.7.2020

BLLV Niederbayern dämpft Erwartungen ans neue Schuljahr

Lehrermangel besteht weiter

Was für ein Jahr! Wenn am Freitag der letzte Schultag im Schuljahr 2019/20 zu Ende geht, atmen nicht nur die Schüler, sondern auch ihre Eltern und Lehrer auf. „Für alle war es ein hartes Jahr“, sagt Judith Wenzl, Niederbayerns Bezirksvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Die Corona-Krise hat an Niederbayerns Schulen alles auf den Kopf gestellt: Schüler mussten eigenverantwortlich zu Hause lernen und Eltern übernahmen die Rolle des Hilfslehrers. Doch das Kapitel „Lernen daheim“ soll mit dem letzten Schultag nun hinter allen liegen. „Das ist zumindest die Hoffnung vieler, aber die Erwartungen sind meines Erachtens unrealistisch“, sagt Wenzl. „Wir werden in Niederbayern zwar regulär ins neue Schuljahr starten, aber es wird mit Sicherheit kein normales Jahr wie sonst. Dafür sind die Baustellen zu groß.“

Als das Kultusministerium verkündete, man werde im September regulär den Schulbetrieb starten – 100 Prozent Präsenzunterricht und ohne Distanzunterricht – ist vielen Eltern ein großer Stein vom Herzen gefallen. „Wir Lehrerinnen und Lehrer können das gut nachvollziehen. Die Erwartungen und Hoffnungen, dass wir im September wieder zur Normalität zurückkehren, sind berechtigt. Aber auch wenn keine zweite Corona-Welle kommt, werden wir im neuen Schuljahr nicht alles „heilen“ können, was diese Corona-Krise ans Licht gebracht hat. Die Kollegien an den Schulen hatten allerdings auf einen ausgereiften Plan B im Fall einer zweiten Corona-Welle noch vor Beginn der Sommerferien gehofft. Vergebens. „So zu tun, als ob das neue Schuljahr ein Schuljahr wie jedes andere werde, hilft uns nicht weiter.“

Das sind laut BLLV Niederbayern die größten Baustellen im neuen Schuljahr:

  • Lehrermangel:

Das Kultusministerium muss ehrlich sagen, wie es im September weitergeht. Wenzl: „Der Lehrermangel besteht weiterhin und wird in einigen Regionen Bayerns und Niederbayerns eklatant spürbar werden. Die im Februar angeordneten Notmaßnahmen (Antragsruhestand erst mit 65 Jahren, Arbeitszeitkonto, Aufstockung der Mindestteilzeit usw.) können den Mangel kaum auffangen. Zudem ist nach wie vor unklar, wie mit Lehrkräften verfahren wird, die zur sog. Risikogruppe gehören.“

Den Lehrermangel werden Eltern vor allem in diesem Bereich zu spüren bekommen: „Das Angebot der bayerischen Staatsregierung, den Schülerinnen und Schülern, die durch die Corona-Krise große Wissenslücken haben, schulbegleitenden Förderangebote anzubieten, ist wunderbar. Aber wir fragen uns: Wer soll diese Stunden halten? Uns fehlen schlichtweg die Lehrerinnen und Lehrer dazu.“

  • Digitalisierung:

Die Corona-Krise hat laut BLLV vor allem eines gezeigt: In Sachen Digitalisierung muss noch einiges geschehen. „Auch wenn das Kultusministerium ab September von einem regulären Normalbetrieb mit Präsenzunterricht ausgeht: Wir an Niederbayerns Schulen rechnen nicht mit einem normalen Schuljahr“, so Wenzl.

Die Schulen in Niederbayern setzen die Erfahrungen der letzten Wochen und Monate konkret um und unternehmen große Anstrengungen, die Verzahnung von Distanz- und Präsenzunterricht zu verbessern. „Aber wir können nicht auf Knopfdruck ändern, was die Politik in der Digitalisierung über Jahre verschleppt hat.“ Ob Datenschutz oder die Frage nach der richtigen Hardware: „Viel zu viele Fragen sind hier noch offen.“

Und auch die digitale Ausstattung der Elternhäuser ist nicht überall adäquat vorhanden. Auch hier muss viel nachgebessert werden. Aber auch das braucht Zeit- und die finanziellen Mittel. Hinzu kommt, dass sowohl Lehrer als auch Schüler und Eltern im Bereich der diversen Online-Plattformen für den Distanzunterricht fortgebildet werden müssen.

  • Bildungsgerechtigkeit

Die Corona-Krise hat laut BLLV Niederbayern deutlich gezeigt, dass Bildungsgerechtigkeit nach wie vor ein frommer Wunsch ist. „Die Schulschließungen während der Corona-Pandemie trafen insbesondere die Kinder hart, die ohnehin schon mit schwierigen Verhältnissen zu kämpfen haben. Die Schere der Bildungsungerechtigkeit hat sich immer weiter geöffnet“, so Wenzl. Viele dieser Kinder waren mit dem selbstständigen Lernen überfordert, hatten keinen Rückhalt von zu Hause oder es fehlte schlicht an der nötigen Ausstattung dazu.

Das Angebot, schulbegleitende Förderkurse im neuen Schuljahr anzubieten, sei eine gute Lösung. „Wäre da nicht der Lehrermangel. Unsere Experten für diese Unterstützungsmaßnahmen sind unsere Förderlehrer. Die werden aber wohl überwiegend im regulären Unterricht eingesetzt, um Lücken in der Lehrerversorgung zu stopfen“, so Wenzl.

Der BLLV Niederbayern fordert deshalb das Kultusministerium auf, gegenüber den Eltern offen und ehrlich zu sein. „Natürlich wollen wir helfen, dass unsere Schülerinnen und Schüler so gut wie möglich durch diese Krise kommen, aber wir können nicht alle Wünsche und Erwartungen erfüllen. Dafür brauchen wir mehr Lehrer und mehr Zeit“, so Wenzl.

Am: 22.07.2020